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„Ohne Coltranes Sopranspiel ist die ganze asiatische Welle des Jazz nicht denkbar - nicht nur was das Sopransaxophon betrifft, sondern ausstrahlend auf alle anderen Instrumente, vor allem diejenigen, die seit den sechziger Jahren in wachsendem Maße erschlossen oder in ihrer Spielweise grundlegend verändert wurden: Geige, Flöte, Dudelsack, Oboe, Englischhorn etc.“
Joachim E. Berendt
Auch wenn der Dudelsack ein primitives u. archaisches Instrument gescholten wird, im Mittelalter stellte er geradezu eine volksmusikalische Revolution dar (vergleichbar dem Akkordeon im 19. u. dem Synthesizer im späten 20. Jahrhundert) - u. war wahrscheinlich schon in römischer Zeit in Gebrauch. Denn er ist im Grunde nichts anderes als die Kombination der Schalmei, eines oboenartigen Rohrblattinstruments (siehe Die Bombarde) mit einem Windsack u. entlastet den Spieler von der anstrengenden Zirkularatmung, mit der ein stets gleichbleibender Luftdruck auf das Rohrblatt aus Schilf ausgeübt werden muss. Beim Dudelsack übernimmt die Aufgabe der Mundhöhle ein aufblasbarer Ledersack, an den die schalmeienartige Spielpfeife befestigt ist, u. obendrein auch noch bis zu vier Bordunpfeifen, die im Grundton (oder in dessen Quinte u. Oktave) einen gleichbleibenden Basston mitbrummen. Auch mit einem anderen Irrtum muss hier aufgeräumt werden: der Vorstellung, dass der Dudelsack ein schottisches Instrument sei, bzw. von dort seinen Ursprung nehme. Instrumentengeschichtlich verhält es sich genau umgekehrt: Der Dudelsack wurde - wie die meisten europäischen Instrumente - im orientalischen Raum entwickelt u. breitete sich ab dem Hochmittelalter (vielleicht aber auch schon früher) über Europa aus, wobei Schottland, Irland u. Skandinavien die mit Sicherheit letzten Stationen dieses Borduninstrumentes waren (15. Jh.). Verschiedene Dudelsacktypen fanden also in ganz Europa Verwendung u. tun es außerhalb des britisch-keltischen Raumes auch heute noch (Balkan, Ungarn, Böhmen, Italien, Frankreich, Nordspanien). Diese Typen unterscheiden sich nach der Beschaffenheit der Rohrblätter (einfach oder doppelt), der Bohrung der Pfeifen (zylindrisch oder konisch) u. der Anblasart (mit Mund oder Blasbalg). Viele osteuropäische Dudelsäcke weisen in ihren Spielpfeifen mit zumeist zylindrischer Bohrung einfache Rohrblätter auf. Anders der Typus der Gaida mit doppeltem Rohrblatt u. konischer Bohrung. Er findet in Serbien, Albanien, Griechenland Verwendung, sein Zentrum u. der Ort der entwickeltsten Spieltechniken aber ist Mazedonien u. Bulgarien. Dort besitzt seine Spielpfeife zudem das sog. Flohloch, das neben rhythmischen Effekten das Überblasen von Oktaven ermöglicht. Sackpfeifen mit einfachen Rohrblättern weisen einen sanfteren Ton auf. Die süd- u. mittelitalienische Zampogna besitzt (im Gegensatz zur norditalienischen Cornamusa) zwei Spielpfeifen mit einfachem u. zwei Bordunpfeifen mit doppeltem Rohrblatt. Eine Doppelspielpfeife (aber keinen Bordun) weist die Tsamboúna auf, welche noch auf einigen griechischen Inseln gespielt wird. Eine lebendige Dudelsacktradition findet sich in Frankreich, wo verschiedene Arten ertönen wie die Cabrette, die Cornemuse oder die hoch gestimmte u. sehr alte Binioù kozh aus der keltischen Bretagne. Für das Celtic Folk-Revival von Bedeutung ist auch der nordspanische Dudelsack Gaita (Galicien, Asturien). Ansonsten gibt es seit über 20 Jahren eine rege Instrumentenbauerszene, die ausgestorbene Typen revitalisiert, flämische u. deutsche Dudelsäcke (wie sie auf den Bildern Pieter Breughels u. Albrecht Dürers zu finden sind) u. Typen wie Dudey u. Hümmelchen, die bereits bei Michael Praetorius aufgeführt sind. In dem für dieses Lexikon relevanten Raum bemühten sich vor allem Vertreter der englischen Bordunszene (siehe Bordunmusik & Bordunszene) wie Jon Swayne um die Rekonstruktion alter flämischer u. britischer Dudelsäcke (wie etwa die Northumbrian Half Longs oder die Border Bagpipes). John Swayne war Gründungsmitglied der legendären Blowzabella und konzentriert sich mit seinen Ensembles Moebius und Zephyrus auf Dudelsackmusik. Einige Enthusiasten (darunter Ceri Rhys Matthews u. Jonathan Shorland von der Gruppe Fernhill) rekonstruieren aufgrund frühneuzeitlicher bildlicher Darstellungen auch bereits einen walisischen Dudelsack (Pibgod oder Pibau Cwd), welcher um 1900 noch in Gebrauch gewesen sein soll. Von Nordengland aufwärts u. in Irland existiert eine ungebrochene Spieltradition. Der Prototyp der schottischen Highland Pipes, welcher zumeist in der konisch gebohrten Spielpfeife (Chanter) ein doppeltes Rohrblatt, in den Bordunpfeifen (Drones) einfache Rohrblätter aufwies, war im gesamten irisch-britischen Raum als Kriegs- u. Tanzinstrument gebräuchlich. Der heutige Hochlandudelsack mit sieben Grifflöchern u. drei Drones entwickelte sich erst im 18. Jahrhundert. Historisch interessierte Instrumentenbauer wie Hamish Moore haben auch andere Varianten der Highland Pipes wie Chamber Pipes u. Reel Pipes rekonstruiert. Die drei Bordune der kleineren Lowland-Pipes bzw. Border-Pipes (mit konischer Bohrung) befinden sich in einem gemeinsamen Stock. Ende des 16. Jhs. erfuhr der Dudelsack eine bedeutende technische Weiterentwicklung. Der Mund des Spielers wurde durch einen mit dem Ellbogen gepressten Blasbalg entlastet, aus dem man die Luft dem Windsack zuführte. Am gebräuchlichsten war das zunächst bei der aus französischen Bauerndudelsäcken entwickelten Musette, die als exquisites Instrument die höfischen Schäferspielchen des Spätbarock u. Rokoko untermalte. Balggeblasene Dudelsäcke haben auch noch in Böhmen, Polen u. Ungarn Tradition. Der Übergang vom mundgeblasenen zum balgeblasenen Dudelsack bedeutet auch den vom Freiluft- zum Hausinstrument. Auch Lowland- u. Highland-Pipes-Hybride (Chamber Pipes, Reel Pipes, Lowland Pipes) wurden u. werden wieder mit Blasbalg gespielt. Eine sehr aparte u. elegante Form der Cauld Wind Pipes (nichtmundgeblasene Sackpfeifen) war Ende des 18. Jh. in Nordengland u. Schottland verbreitet. Diese Scottish Small Pipeswurden ca.1980 vom Musiker u. Instrumentenbauer Colin Ross (High Level Ranters) rekonstruiert u. erfreuen sich in der schottischen Folk-Szene erstaunlicher Beliebtheit. Oft werden Border Pipes u. Scottish Small Pipes aufgrund ihrer geographischen Hauptverbreitung unter dem Begriff Lowland Pipes subsumiert. Aus letzeren entwickelten sich die Northumbrian Small Pipes, deren Spieltradition seit dem 18. Jh. in Nordengland jedoch nie unterbrochen wurde. Ihre Spielpfeife ist am unteren Ende verschlossen, sie verfügen über Klappen u. vier Bordune (wobei drei gleichzeitig ertönen können). Die höchstentwickelte Dudelsackform stellen jedoch die irischen Uilleann Pipesdar, wahre Wunderwerke des Instrumentenbaus, deren Prototyp sich seit dem Beginn d. vorigen Jahrhunderts kaum verändert hat. Ihre Drones können per Ventil abgeschaltet werden, darüber hinaus besitzen sie noch drei zusätzliche Pfeifen mit bis zu 13 mechanischen Klappen (Regulators), welche gleich einer Orgel das Spiel von Akkorden u. sogar von Melodien, also Mehrstimmigkeit, ermöglichen. Bei primitiveren Dudelsacktypen können Akkorde (Quinten) nur durch Druckwechsel im Balg erreicht werden. Die Existenz der schottischen Pastoral Pipes - heute nur noch im Museum zu bewundern - beweist, dass der Bautypus der Uilleann Pipes über einen weiteren geographischen Raum verbreitet war, sich lediglich in Irland in einer Sonderform hielt. |
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