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„..bei ihnen ist das Musizieren nicht so langsam u. feierlich wie auf auf den englischen Instrumenten, an die wir gewöhnt sind, sondern rasch u. lebhaft, wobei der Klang sanft u. lieblich ist. Es ist erstaunlich, dass der musikalische Rhythmus bei so raschem Zupfen der Finger erhalten bleibt u. die Melodie mit unbeeinträchtigter Kunstfertigkeit vollendet u. angenehm zur Geltung kommt, u. zwar mit glatt verlaufender Schnelligkeit, ‘ungleichförmiger Gleichmäßigkeit’ u. ‘diskordanter Diskordanz’ quer durch alle Melodien u. die zahlreichen Feinheiten der mehrstimmigen Musik.“
Giraldus Cambrensis (Gerald the Welshman)
Ob der berühmte Reisende u. Chronist des 12. Jahrhunderts, Giraldus Cambrensis, dieses Lob den irischen Harfenisten ausspricht, oder aber den Spielern der cythara alias tímpan alias cruit, einer gezupften, gestrichenen oder geschlagenen Leier (Lyra), lässt sich nicht ausmachen. Tatsache ist, dass das gälische Irland u. Schottland spätestens seit dem Hochmittelalter über eine hoch entwickelte Harfenkultur verfügten. Beim Harfenspiel im modernen Celtic-Folk handelt es sich um Revitalisierung u. Nachempfindung, denn in Irland war die Harfentradition bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts weitgehend erloschen, in anderen Gegenden viel früher (mit Ausnahme von Wales). Weiters muss festgehalten werden, dass die Harfe vom Typus der sog. Clarsach kein dezidiert keltischesInstrument war, sondern auch im angelsächsischen England u. Südchottland gepflogen wurde, wo es möglicherweise bereits im 6. Jh. Einzug hielt. Bloß hielt sich der „keltische“ Typus u. die typischen Spieltraditionen in der keltischen Peripherie länger, da England spätestens seit der Neuzeit an die kunstmusikalischen Entwicklungen des Kontinents angebunden war. Der gälische Begriff Clarsach (oder genauer: Cláirseach) ist uns erstmals aus dem 14. Jh. übermittelt, der Zeit auch, aus der uns die drei ältesten Exemplare dieses Typus erhalten sind, die Brian Boru Harp aus Irland sowie die Lamont Harp u. die Queen Mary Harp aus Schottland, drei reich verzierte Meisterwerke der Instrumentenbaukunst, die uns darüber Aufschluss geben, dass es sich dabei um alles andere als Volksinstrumente gehandelt hatte. Den hochspezialisierten Job des Harfenspiels übernahmen sowohl in der walisischen, der irischen als auch der schottischen gälischen Kultur (welche bis ins 17. Jh. in enger Verbindung standen) die Barden. Diese zumeist im Sold der lokalen Fürsten u. Clanchefs stehenden Dichter/Komponisten/Musiker schöpften zwar Inspirationen aus der Volkskultur u. ihre Kompositionen sickerten wieder dorthin zurück u. prägten mit ihren modalen Skalen sicher wesentlich das melodische Gepräge der irischen u. schottischen Volksmusiktradion, doch blieb ihre Kunst ein Produkt jahrzehntelanger Ausbildung. Analog der schottischen Highland-Pipes-Tradition standen ganze Harfenisten-Clans im Sold herrschender Familien. So leisteten im gälischen Schottland die MacGhille Sheanaichs den berühmten MacDonald Lords of the Isles mit ihrem Spiel Tribut, oder die McVicars den Campbells of Argyll, sowie die Lamonts den MacEwens.
Bereits im Jahr 1225 wird in den irischen Annalen von Loch Cé vom Tod des Vikars Aedh Ó Sochlachainn berichtet, einem „Professor für Gesang u. Harfenspiel, der ein vollig neues Tuning erfunden hat.“ Etwa zur gleichen Zeit wird in Schottland der erste Harfenspieler erwähnt, nämlich Adam of Lennox, der Abt von Balmerino in Fife.
Anfänglich wurden die Begriffe Clarsach u. Cruit alternierend verwendet. Bereits 1505 wird in schottischen Gerichtsakten die terminologische Unterscheidung getroffen zwischen Clarsach u. Harfe. Dieser Unterschied besteht vor allem in Bespannung u. Spielweise. Die Clarsach besaß kupferne, später eiserne Metallsaiten (30 oder mehr), im Gegensatz zur darmsaitigen Harfe, die in Schottland auch als Lowland Harp bezeichnet wird. Heute nennt man jegliche Harfe, ganz gleich ob metall-, darm- oder nylonbespannt, die im britischen u. keltischen Folk verwendet wird u. keine klassische Konzertharfe ist, Clarsach. Die Größe der historischen Clarsach variierte, doch war sie stets kleiner als die seit der Neuzeit übliche Konzertharfe. Gegen das 18. Jahrhundert hin nahm sie jedenfalls an Saitenzahl u. Größe zu. Der Barde hatte sie an die rechte oder linke Schulter gelehnt, spielte mit den lang gewachsenen Nägeln der linken Hand die höheren Noten, mit der rechten die Bässe. Als sichtbarste Repräsentanten einer distinkt gälischen Kultur waren die Harfenspieler seit dem 16. Jh. der Verfolgung durch die angelsächsische Oberhoheit ausgesetzt. In irischen Personalakten dieser Zeit wurden sie wie Kriminelle geführt, das Vernichten ihrer Harfen kam der existentiellen Vernichtung dieser oft blinden, fahrenden Profimusiker gleich, das Kappen ihrer zentimeterlangen Fingernägel setzte sie Monate aus dem Verkehr.
Bis zur Zeit James VI. fristeten gälische Harfenmusik, südschottische, englische u. kontinentale Musik ein multikulturelle Koexistenz an Schottlands Höfen, ehe James die gälische Kultur mit eiserner Hand zu verfolgen begann. Doch die größte Gefahr drohte den Barden durch die kulturelle Assimilation ihrer Brötchengeber, der Feudalherren, welche sich lieber europäisch ausgerichteter Hausmusiker bedienten als der altmodischen Harfenisten, die zu Volksmusikern abgewertet wurden, wodurch die Volksmusik sicherlich profitierte (der Einfluss alter Harfentradion auf den gälischen Sean-Nós-Gesang u. viele Slow Airs ist unleugbar). Im schottischen Hochland vollzog sich der Untergang dieser Tradition bereits in der ersten Hälfte des 18.Jhs. - als letzter großer Hochlandharfenist gilt Ruairidh Dall Morison (ca.1656-1713) - in Irland spätestens zu Beginn d. 19. Jhs. 1793 hatten bürgerliche Patrioten die letzten lebenden Harfenspieler nach Belfast geladen, zum legendären Belfast Harp Festival, u. Herrn Edward Bunting mit der Notation ihrer Tunes beauftragt. Ein beträchtlicher Teil ihres Repertoires bestand aus dem unkonventionellen Kompositionen des Turlough O’Carolan (1670-1738), der weniger aus Opportunismus als seiner Vielseitigkeit u. seines Interesses wegen eine Fusion aus alter gälischer Tradition u. kontinentaler Barockmusik vornahm.Sein Oeuvre kann als Hauptstimulans zur Wiederentdeckung der Clarsach im Celtic Folk-Revival betrachtet werden. Dass die Clarsach nicht völlig ausstarb, dafür sorgte die 1831 gegründete Clarsach Society (Comunn na Clairsach) in Edinburgh. Das viktorianische Zeitalter u. der darauf folgende keltische Nationalismus, der von ersterem sich seinen kitschigen Romantizismus geborgt hatte, pflog jedoch sentimentale Harfenarrangements für Konzertharfe (bzw. Neo-Irish Harp). Auch populäre Interpretinnen wie Mary O’Hara oder später Máire Brennan (Clannad) interpretierten ihre Nachempfindungen keltischer Tradition auf Konzertharfen mit Pedalsystem. Lediglich Gráinne Yeats darf seit den 50er Jahren als die bedeutendste Pionierin der irischen Clarsach angesehen werden. Der US-Harfenbauer Jay Witcher begann Anfang der 70er Jahre metallsaitige Clarsachmodelle zu rekonstruieren u. löste damit eine Renaissance dieses Instrumentes aus. Bei der Revitalisierung der schottischen Clarsach u. der darmsaitigen Lowland Harp taten sich besonders Alison Kinnaird, Billy Jackson (Ossian) u. als Verbindungsfrau zur englischen Folk-Szene Savourna Stevenson hervor u. entwickelten neue Spieltechniken u. Tunings. Das Repertoire dieser Künstler bildeten O’Carolan-Tunes, Adaptierungen schottischer u. irischer Tänze, Airs u. Liedmelodien u. reichhaltige schottische Lautenliteratur wie etwa das 1615 erstmals aufgelegte Skene Book, welches neben den zeitgenössischen Kompositionen auch alte schottische Weisen enthielt, von denen man annahm, dass sie der Harfentradition entstammen könnten. Einen Meilenstein in der Readaption dieser u. anderer schottischer Tunes stellt Robin Williamsons (Ex-Incredible String Band) musikhistorisch vorbildlich dokumentierte zweiteilige Plattenedition Legacy Of The Scottish Harpers dar. Lange vor dem Celtic Folk Revival kombinierte in Irland die McPeak-Family (siehe Clan McPeak) eine kleine der Clarsach nachgebildete Schoßharfe mit dem Sound der Uilleann Pipes. Erstmals in den Gruppensound integriert wurde die irische Harfe durch Clannad u. die Chieftains. Seán Ó Riada (1931-1971), der geistige Vater dieser Formation, hatte dem Cembalo den Vorrang gegeben, weil er der Meinung war, dass dessen Sound dem der historischen Clarsach näher käme als neuere Konzertharfen oder darm- bzw. nylonbesaitete Rekonstruktionen. Mit Derek Bell kam ein klassisch gebildeter Musiker zu den Chieftains, der beide Typen spielte. Die Kombination Uilleann Pipes/Harfe wurde vom Dubliner Paar Joe & Antoinette McKenna in Ehren gehalten. Die vielleicht wichtigste irische Harfenspielerin ist Máire Ní Chathasaigh. Mit ihren bahnbrechenden Arrangements u. Fingertechniken gelang ihr (ähnlich ihrer schottischen Kollegin A. Kinnaird) ein sehr richtungsweisender Kompromiss zwischen ausgestorbender Harfentradition, nicht harfengebundener Volkstradition u. modernem Folk-Revival. Und gemeinsam mit ihrem Partner, dem englischen Jazzgitarristen Chris Newman bewies sie, dass man mit Harfen nicht nur schnelle Reels u. Jigs interpretieren, sondern auch swingen konnte. In Schottland trat diesen Beweis das innovative Duo Sìleas (Mary MacMaster & Patsy Seddon) an, welches neben der Clarsach auch eine Elektroharfe verwendet. Gemeinsam mit Ingrid Henderson, Wendy Stewart (Ceolbeg), Corinna Hewat (Chantan, Bachue Café) u. Charlotte Petersen (Calluna) bilden MacMaster & Seddon die Avantgarde des schottischen Harfenspieles, welche dem Klischee von fader, harmlos-viktorianischer Engelsmusik auf mondäne Weise den Todesstoß versetzte. Weitere Beispiele für die gelungene Integration der Harfe in einen modernen, dynamischen Bandsound sind die nordirische Gruppe Déanta mit ihren HarfenistInnen Mary Dillon u. Eóghan O’Brien sowie die Bumblebees mit ihrer Harfenistin Laoise Kelly. Weitere bedeutende irische Claírsears sind Paul Dooley, Siobhán Armstrong u. die hochinnovative Ursula Burns. Sein institutionelles Zentrum findet irisches Harfenspiel in der 1986 gegründeten Irish Harper’s Association (Cláirseórí na hÉireann), die sich 1993 zur Harp Foundation mit Sitz in Belfast wandelte u. das Belfast Harp Orchestra unterhält.
In Wales hielt sich die beständigste Harfentradition. Obwohl vom walisischen Nationalismus gepusht, hielt sich auch unabhängig von diesem eine lebendige Spieltradition, u. zwar auf der technisch ausgereiftesten Volksharfe der Britischen Inseln, der im 17. Jahrhundert entwickelten Triple-Harp. Handelte es sich bei der Clarsach um ein diatonisches Instrument, so ist die Triple-Harp ein chromatische Harfe, mit der sich alle Noten jeder Tonart spielen lassen. Sie besitzt drei Saitenreihen, wobei die Saiten der äußeren diatonisch gestimmt sind, die der inneren die zusätzlichen Halbtöne liefern. Die professionellsten Spieler dieser Harfe waren die walisischen Zigeuner, u. einer der letzten lebenden Harfenisten dieser Tradition war Nansi Richards, ihres Zeichens Lehrerin vieler Revival-Harfenisten wie Gwyndaff u. Dafydd Roberts (Ar Log) oder Robin Huw Bowen u. neuerdings Llio Rhydderich. Eine stilistische Weiterentwicklung erfährt die Triple Harp durch Sîan James u. Delyth Evans alias Jenkins (Ex-Aberjaber).
Interessanterweise ging die Clarsach-Renaissance Ende der 60er Jahre von der Bretagne aus, deren Hauptprotagonist Alan Stivell sich auf die bretonische Harfentradition vom 8. bis ins 18. Jh. berief. Seine Harfe (Telyn), konstruiert von seinem Vater in den 50er Jahren, glich aber haargenau der schottisch-irischen Clarsach. Weitere bedeutende bretonische HarfenspielerInnen u. -ensembles sind Myrdhin (Afro Celts Sound System), Kristen Noguès, Anne Aufret, Gwenola Roparz, das Harfenduo Sedrenn u. die Quéffeléant-Zwillinge von der Gruppe An Triskell.
Um mehr über Stimmungen, mythologische Bedeutungen u. Kulturgeschichte des irischen Harfenspieles zu erfahren, was hier nur gestreift werden konnte, empfehle ich das Kapitel The Harp im von Fintan Vallely herausgegebenen Standardwerk The Companion To Irish Traditional Music. |
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