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„... the flower of Western Europe.“
Alan Lomax
„... Scottish people are alaso the worst at thinking ‘oh that’s Gaelic turn over’, or that’s Gaelic so it mus be like from another country, or another planet.“
Maggie MacInnes
Sprechen wir von traditioneller schottischer Musik, so muss stets in Rechnung gestellt werden, dass unter dieser Verallgemeinerung trotz aller Überschneidungen, kontinuierlicher Übergänge u. wechselseitiger Osmose zwei relativ distinkte musikalische Kulturen subsumiert werden: eine angloschottische u. eine - selbst für alteingesessene Schotten - exotische keltisch-gälische. Die formvollendetsten schottischen Geigenkomponisten des 18. Jahrhunderts (Niel & Nathanael Gow, William Marschall, Daniel Dow) lebten genau am Knotenpunkt der Einzugsachsen europäischer Kunstmusik u. archaischer Hochlandkultur, in der Grafschaft Perthshire. Viel verbindet die schottisch-gälische Musik mit der gälischen Musik Irlands, mindestens so viel, wie sie von ihr trennt. Das rührt davon her, dass nordirische Gälen (Skoten) ab dem 3. Jahrhundert an der schottischen Westküste, im Gebiet des heutigen Argyll (von Earraghail: „Küstenland der Gälen“) Fuß fassten u. das Königreich Dalriada gründeten. Unter dem skotischen König Kenneth MacAlpine (843-858) wurden die alteingesessenen Pikten unterworfen u. das panschottische Königreich Alba gegründet, unter Malcolm II. (1005-1034) dieses bis nach Northumberland ausgeweitet, sodass in der folgenden Periode, welche uns durch Shakespeares Königsdrama Macbeth vertraut ist, bis weit in die Lowlands hinein Gälisch gesprochen wurde, ehe unter David I. (1124-1153) normannische u. angloschottische Kultur Stück für Stück das gälische Element zurückdrängte. König James IV. (der spätere James I. von England) holte zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu einem empfindlichen Schlag gegen die gälische Clans u. ihre Kultur aus, u. spätestens nach dem Jakobitenaufstand 1745 war diese aufs westliche Hochland u. die Hebriden beschränkt, wo sie heute trotz verstärkter Medienpräsenz u. Revitalisierungstendenzen vom Aussterben bedroht ist u. das Signum des Hinterwäldlertums trägt. Jedenfalls bestand bis ins 17. Jahrhundert eine kulturelle u. politische Brücke zwischen Irland u. den gälischen Highlands u. Inseln Schottlands, über welche auch viel Musik ausgetauscht wurde: Irische Harfenmeister wie der berühmte Ruairi Dall Ó Cathain, Jago McFlaherty oder Denis Hempson (siehe William Bunting u. Turlough O’Carolan) wurden auch bei schottischen Lairds u. Landadeligen vorstellig, während schottische Harfenmeister wie Ruaidhri Dall Morison Irland bereisten. Gälische Clanhäuptlinge beschäftigten bis ins 18. Jahrhundert Harfenspieler, die zugleich Barden, Dichter, Chronisten der Clanchronik u. manchmal auch Seher waren. In mancherlei Hinsicht erhielten sich in der Volksdichtung der Hebriden ältere Elemente als in der irischen Tradition: Bis vor einer Generation besangen autochthone Sänger noch Abenteuer der Fianna, einem altirischen mythologischen Heldenkreis, Überreste epischer Balladen, deren Urheberschaft bis zu tausend Jahre zurückreichen mochte. Die nasale Vortragsweise u. die üppige freie Ornamentierung des irischen Sean-Nós-Gesangs findet sich auch bei den gälischen Schotten, am stärksten vielleicht auf der Hebrideninsel Lewis u. auch Lieder wie etwa Donall Óg weisen auf die gemeinsame Kultur hin. Dennoch ist auch ein nichtnasaler, mit Improvisation sparsamerer, metrischerer Vortragsstil gebräuchlich, wie er unseren Ohren vielleicht vertrauter klingen mag, der durchaus in der Tradition verankert u. nicht nur einer bürgerlich-romantischen Rezeption geschuldet ist, welche die Improvisationen als Fehler einschätzte. Bekanntestes Beispiel dieser Aneignung ist Marjorie Kennedy-Fraser, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Feldforschungen auf den Hebriden durchführte u. das gewonnene Material per zeitgeistiger Klavierarrangements popularisierte (z.B. den Mingulay Boat Song oder den Erriskay Love Lilt). Dass sich die bürgerliche Romantik an diesen Liedern entzündete, ist auch nicht weiter verwunderlich: Viele der Songs steigern Melancholie zu einer unheilvollen Qualität u. der Tod aus unglücklicher Liebe ist eines ihrer Haupttopoi - die Wendung „mo leabaidh dean suas - Bereitet mir mein Grab“ (eigentlich Bett) kehrt in unzähligen dieser Lieder wieder. Darüber hinaus sind sie mit einer außergewöhnlichen Melodieschönheit gesegnet. Ein zweiter bedeutender Strang schottisch-gälischer Vokalmusik sind jene Arbeits- u. Tanzlieder, bei denen der Rhythmus das erzählerische Element dominiert. Erstere sind durch die Rowing Songs u. die Waulking Songs (orain luaidh) vertreten. Waulking Songs sind wilde, pentatonische Lieder, welche von den Frauen zum Rhythmus des Tuchwalkens mit konstant wiederkehrenden Refrains gesungen wurden. In Cape Breton, Kanada, ist das Tuchwalken u. folglich auch das Singen dieser Lieder Domäne der Männer.Viele Zuhörer erinnern Waulking Songs an indianische Gesänge, was besonders bei den rauen ungeschönten Stimmen der verfügbaren Feldaufnahmen auffällt. Tanzlieder nennt man Puirt A Beul (Mouth-Music), schnelle Vokaldarbietungen im Reel- oder Jig-Rhythmus, welche den Sängern u. Sängerinnen einige stimmliche Akrobatik abverlangen. Bei der Instrumentalmusik ist der Übergang zwischen gälischer u. angloschottischer Kultur ein kontinuierlicher, zumal eines der Embleme der schottischen Nationalkultur, die Highland Pipes, ein Kind der gälischen Clankultur ist u. erst später Eingang in die koloniale Regimentsmusik fand. Die normierten Dudelsackskalen, die so genannten Pioberachd - bis heute für jeden Dudelsackschüler obligatorisch - wurden seit dem 15./16. Jahrhundert in den Pipeschulen der Clans entwickelt u. gelehrt. Gleich den indischen Ragas wurden diese Skalen zunächst vokal eingeübt (Cainnterachd). Gegen Ende des 17. Jahrhunderts fasste auch die Geige (Fiddle) im Hochland Fuß u. imitierte dort zunächst die Verzierungen der Highland-Pipes, verließ auch selten deren Tonumfang. So könnte der berühmte abgehackte ‘Scotch Snap’, der sich durch das Hintereinander einer stark akzentuierten Sechzehntelnote u. einer Achtelnote charakterisiert (siehe Der Strathspey), entstanden sein, welcher der gesamten schottischen Instrumentalmusik zu seinem distinkten Charakter verhalf. Es existiert bis heute so etwas wie ein West-Highland-Stil des Fiddlespiels, vertreten etwa durch Angus Grant (dem Vater des gleichnamigen Geigers der Folk-Dancefloor-Band Shooglenifty). Jüngere Revivalfiddler wie Charlie McKerron (Capercaillie) oder dessen Schülerin Eilidh Shaw nehmen sich dieses unverzierten, wilden Stils wieder vermehrt an. Auf Cape Breton Island an der kanadischen Westküste, wohin seit Ende des 18. Jahrhunderts eine Einwanderungswelle hochlandschottischer, zumeist von ihren Grundherren vertriebener Bauern einsetzte, erhielten sich viele Elemente einer schottischen Musik, wie sie noch im 18. Jahrhundert geklungen haben mochte: gälische Lieder (auch Puirt A Beul u. Waulking Songs), Step Dance u. eine wilde unbändige Fiddlemusik, welche besonders durch eine junge weltoffene Szene heute wiederbelebt wird u. auf beiden Seiten des Atlantiks enthusiastische Reaktionen auslöst. Das schottische urbane Folk-Revival der 50er u. 60er Jahre favorisierte zunächst die angloschottische Liedkultur. Die gälische Kultur blieb lange Domäne spezieller folkloristischer Organisationen, welche jährliche Wettbewerbe, die National Mods, veranstalteten. Die School Of Scottish Studies unter Leitung von Hamish Henderson sowie Alan Lomax, Norman Kennedy u. der Ire Seamus Ennis (1919-1981) erforschten die gälische Musik zwar fleißig, doch fanden sich zu wenig muttersprachliche Folkmusiker in Glasgow u. Edinburgh, die das gewonnene Material umzusetzen in der Lage gewesen wären. Die Native Singers des bäuerlichen Nordwestens ihrerseits begegneten der linken u. freakigen Folk-Szene sicher mit einer gewissen Scheu. So war es auch das irische Folk-Revival, das sich in den 70er Jahren erstmals schottisch-gälischer Lieder annahm (Johnstons, Clannad, Bothy Band). Mutterfigur des traditionellen gälischen Gesangs ist zweifelsohne Flora MacNeil aus Lewis. Weitere bedeutende traditionelle SängerInnen der Hebridentradition waren seit den 60er Jahren Enna & Mary Campbell, William Matheson, Finlay MacNeil, Roddy Campbell, Art Cormack (Mac-Talla, Cliar), Mary Smith, Margaret Stewart, Maggie MacInnes (die Tochter Flora MacNeils), Margaret Bennett, Paul MacCallum, Donnie Murdo MacLeod, Murdo MacDonald, Norman MacLean, Maggie MacDonald (Cliar) u. Iain MacKay. Mary Anne Kennedy (Whistlebinkies, Cliar) u. Alison Kinnaird verbinden zudem gälischen Gesang mit dem Spiel der Harfe (Clarsach). Teilweise arbeiteten genannte MusikerInnen bereits mit dem Folk-Revival zusammen. Einem breiteren Folkpublikum mit erstaunlich innovativen u. jazzigen Arrangements zugänglich machte gälischen Folk die heute leider beinahe vergessene Band Na h-Oiganach in den 70er Jahren. Das Eis zwischen gälischer Tradition u. modernem Folk endgültig zum Tauen brachte die Revivalband Ossian mit ihren gälischsprechenden Sängern Billy Jackson u. Billy Ross. Die Gruppe Runrig stürmte mit schottisch-gälischen Rocksongs schließlich die britischen Charts. Die 80er Jahre sahen dann den Aufstieg eines neuen Typus von gälischer Chansonette: Sängerinnenpersönlichkeiten, die direkt aus der Tradition kamen u. diese - unterstützt durch die führenden Instrumentalisten der Folkszene - mit charaktervollen Stimmen u. zeitloser Eleganz internationalisierten: Es waren dies vor allem Anne Martin, Christine Primrose, Catherine-Ann MacPhee u. Ishbel MacAskill. Karen Matheson schließlich trieb mit ihrer Band Capercaillie die endgültige Modernisierung dieser Musik voran. Mit einem Waulking Song aus dem 15. Jahrhundert stürmten Capercaillie 1990 die britischen Charts. Diese Band verwandelte gälische Lieder sowie Jigs u. Reels in zeitgeistige Dancefloor- u. Rave-Arrangements, ehe sie sich einem nicht minder zeitgeistigen World-Music-Konzept widmete. Ähnliche mitunter noch poppigere Experimente nahm die Amerikanerin schottischer Abstammung Talitha MacKenzie mit ihrem Projekt Mouth Music vor. Gerade Waulking Songs u. Puirt A Beul, der sich manchmal wie autochthoner Rap ausnimmt, erwiesen sich als sehr tauglich für jegliche „Modernisierung“, erfolgte diese nun durch Jazz, Rock, Tribal oder die diversen Dancefloor-Stilmixes der 90er Jahre. Und die melancholischen Songs gaben großartige (Jazz-)Chansons ab, eine Entwicklung, die Ishbel MacAskill bereits auf ihre Weise vorgezeichnet hatte. In diese Richtungen agierten Bands wie Iron Horse, Sìleas u. Tannas, verpassten einer der ältesten Musikfomen Europas einen chicen Touch. Herausragende Interpretinnen der jüngsten Szene sind Alyth McCormack u. Anna Murray, die neben ihren mitunter jazzigen Vokaldarbietungen auch auf Highland Pipes u. Scottish Small Pipes brilliert, sowie die phantastische Catriona MacKenzie (Seelyhoo, Anam), die vielleicht am glaubwürdigsten die Balance zwischen soulgeladenem Popchanson u. traditioneller Originalität schafft. Wie ihre Schwestern Gillian u. Eilidh MacKenzie (Mac-Talla) ist sie auch eine fleißige Dichterin neuer Lieder im gälischen Idiom. In der kanadischen Cape-Breton-Tradition kommt ein vergleichbarer Rang der jungen Mary Jane Lamond zu. In der für die experimentierfreudige schottische Neo-Folk-Szene der 90er Jahre typischen Spannbreite zwischen puristischer Tradition u. schräger urbaner Fusion hat die gälische Musik der Highlands u. Hebriden einen bevorzugten Platz eingenommen u. sich dank junger weltoffener Enthusiasten dem Folklorismus entzogen. Die bedeutendste Sammlung authentischer Feldaufnahmen schottisch-gälischer Musik wurden von der School Of Scottish Studies in den 70er Jahren auf dem Tangent-Label verlegt u. vom Label Greentrax in den letzten 10 Jahren auf CDs wiederveröffentlicht. Einen repräsentativen Querschnitt gälischer Vokalmusik bieten das auf Greentrax verlegte All-Star-Album Orain Nan Gaidheal (The Song Of The Gael) u. Gaelic Women, das mit C.-A- MacPhee, Ishbel MacAskill, Flora MacNeil, Cairistiona MacInnes, Kenna Campbell, K. Mathieson, A. Murray, Anne Lorne Gillies, Mary Anne Kennedy, Maggie MacInnes, Mary Smith sowie Eilidh, Gillian u. Fiona MacKenzie als Vokalistinnen u. Instrumentalisten wie William Jackson, Malcolm Jones (Runrig), Allan MacDonald, Donald Shaw (Capercaillie), Tony McManus u. Jim Sutherland aufwarten kann. Das Projekt Gaelic Women mündete auch in einem Konzert im Rahmen des Celtic Connections-Festival 2000 in Glasgow. Orain Nan Gaidheal bietet neben genannten Frauen auch noch Roddy Campbell, Murdo MacDonald u. Piper Fred Morrison auf.
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