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Das heiß umfehdete, raue Grenzland zwischen Schottland u. England (Debatable Lands, wie die Dudelsackspielerin Kathryn Tickell eine ihrer CDs nannte) brachte eine eigene vielseitige musikalisch distinkte Volkskultur hervor: in vielerlei Hinsicht verbundener dem südschottischen Norden als dem englischen Süden. Das macht sich bereits im Dialekt bemerkbar: Das Geordie, wie es noch in Newcastle u. Tyneside gesprochen wird, sowie der leicht differente Northumberlanddialekt u. das südschottische Lallans gehen aus demselben angelsächsischen Sprachsubstrat hervor. Noch aus Zeiten der mittelalterlichen Grenzfehden erhielt sich eine kraftvolle u. düstere Balladentradition. Für die traditionelle Musik des englischen Nordens spielen drei regionale u. geschichtliche Faktoren eine wichtige Rolle:
1) die bäuerliche Musiktradition des nördlichen Grenzlandes mit ihrem Hauptinstrument, den Northumbrian Small Pipes, deren charakteristische Verzierungen auf das gesamte musikalische Erbe der Region abfärbt u. deren Tunerepertoire teilweise dem südschottischen nah verwandt ist; 2) die bürgerliche u. (infolge der Stahl- u. Schiffsindustrie) proletarische Kultur Newcastles u. Tynesides, auf die seit dem 19. Jahrhundert eine starke irische Community abfärbt; u. 3) die reichhaltige Liedtradition der Kohlengrubenarbeiter aus Durham u. Northumberland. Die bürgerliche Musikkultur Newcastles zog ihre Inspirationen aus der bäuerlichen Musik, stand aber in Kontakt mit der hoch entwickelten schottischen Tradition. Typisch dafür ist der Fiddler u. Komponist James Hill (ca. 1814-1860) aus Newcastle, der sich besonders um den traditionellen Tanz Hornpipe verdient machte. Schon früh bemühten sich die Lied- u. Tunesammlungen von William Vickers (1770) u. John Bell (1820), später Bruce & Stokoes Northumbrian Minstrelsy um die Präsentation einer distinkten northumbrischen Tradition. Das Spiel der Northumbrian Pipes wurde im 20. Jahrhundert durch Individualisten wie Tom Clough, Billy Pigg (1902-1968), Jack Armstrong (1904-1978) u. Foster Charlton (?-1989) weitergepflegt. Ihre Entdeckung durch das Folk-Revival der 50er- u. 60er Jahre führte dazu, dass die musikalischen Besonderheiten der Region nicht nur nach Vorbild irischer Bands durch eine eigene Folkband, die High Level Ranters, repräsentiert wurde, sondern diese auch früher als andere Bands verstärkt Reels, Jigs, Hornpipes, Polkas u. Rows unter Verwendung des Dudelsackes in ihr Repertoire integrierten. Es waren dies Sänger u. Sammler Tom Gilfellon u. Johnny Handle, neben Louis Killen u. Bob Davenport die bedeutendsten Vokalisten des frühen nordenglischen Folk-Revivals, sowie die Instrumentalisten Colin Ross, zugleich bedeutender Instrumentenbauer, u. Alistair Anderson, der sich in den 80er Jahren noch auf interessante musikalische Experimente einlassen sollte (z. B. Syncopace). In ihrer frühen Besetzung hatten die „Ranters“ in Fiddler u. Piper Foster „Anty“ Charlton eine direkte Verbindung zur Tradition in ihren Reihen. Neben der pastoralen Lied- u. Tanzkultur bezog die nordenglische Folkszene ihre Inspirationen aus dem proletarischen Liedgut der Arbeiter der Bergbau-, Eisen- u. Schiffsindustrie, wie etwa den Songs von Tommy Armstrong (1848-1919), dem „Great Balladeer of the Coalfields“, dem Mitglieder der High Level Ranters 1965 ein Konzeptalbum widmeten. Zehn Jahre später lieferten sie mit The Bonnie Pit Laddie (feat. Dick Gaughan) eines der interessantesten Dokumente zur Kultur nordenglischer (u. südschottischer) Bergarbeiter. Interessanterweise pflegten die Instrumentalisten dieser Szene früh Kontakte zu den Fiddlern der nordschottischen Shetland-Isles - northumbrische u. shetländische Reels weisen in Rhythmik u. Melodie frappante Ähnlichkeiten auf -, u. diese Verbindung reißt bis heute nicht ab. Mit Fiddlerin u. Piperin Kathryn Tickell, eine von A. Anderson inspirierte Grenzgängerin zwischen traditioneller Musik, Jazz u. Funk, findet die Region einen privilegierten Platz in der britisch-irischen Folk-Avantgarde. Weitere bedeutende Folkmusiker der besagten Regionen sind seit den 70er Jahren Geiger Tom McConville, Singer/Songwriter Jez Lowe, Akkordeonistin Karen Tweed u. Gitarrenmaestro Ian Carr, die unter anderem auch in der Kathryn-Tickell-Band spielten. Der reiche Balladenschatz zum Thema englisch-schottische Grenzkriege findet übrigens auf dem Konzeptalbum Fyre & Sword sein Auslangen (mit Ross Kennedy, Janet Russell, Maddy Prior u.a. als Interpreten). Seit dem Jahr 2000 versucht das Musikfestival Both Sides of the Tweed die eigenständige Identität des Grenzlandes jenseits der alten nationalen Zuordnungen Schottland-England hervorzustreichen.
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