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Musikalisch stellen die Shetland-Inseln ein interessantes europäisches Unikat dar. Geographisch wie kulturell liegt das vom Atlantik umtoste Shetland-Archipel genau in der Mitte zwischen dem schottischen u. skandinavischen Festland. Kulturell ist es sogar stärker von letzterem geprägt, stand es doch bis zum Jahr 1472 unter der Oberherrschaft der norwegischen Krone. Traditionelles Hauptinstrument war u. ist die Fiddle. Bis ins 18. Jahrhundert wurde die Gue gespielt, jene mit der inselkeltischen Crwth u. der europäischen Rebec verwandte Kniegeige, wie sie sich in Osteuropa u. dem Orient bis heute gehalten hat. Anders als man es von so düsteren, nördlichen Gefilden erwarten würde, klingen die shetländischen Fiddle-Reels optimistisch, flüssig u. leger, wie ein Mix aus schottisch-norwegischer Musik mit „südländischem“ irischen Swing. Die eigenartige Phrasierung u. der plötzliche Tonhöhenwechsel verbinden sie noch mit skandinavischen Tunes, ebenfalls die Neigung der Shetlander, die G-Saite ihrer Fiddles auf A zu stimmen (eine ähnliche Stimmung weist die norwegische Hardanger-Geige auf), wobei abgelegene lokale Stile fremden Elementen länger trotzten als das Zentrum, die Hauptinsel Lerwick. Ebenso entbehren Shetland-Tunes weitgehend des rhythmisch akzentuierenden Scotch Snaps (siehe Der Strathspey u. Charakteristische Ornamente der traditionellen Instrumentalmusik). Der Hauptgrund für die Fusion so vieler unterschiedlicher Stile liegt in der Funktion der Shetland-Inseln als nördliches Zentrum der Heringsindustrie, die ihnen einen stets weltoffeneren Charakter verlieh, als dies in vielen abgelegenen Regionen der Britischen Inseln der Fall war. Viele erklären sich den spezifischen „Swing“ der Shetland-Tunes mit der inspirierenden Rolle der irischen Gastarbeiter in der Heringsindustrie, welche auch ein breites Repertoire an Tunes hinterließen. Erstaunliche Parallelen weist die shetländische Fiddlemusik mit der Northumberlands u. Tynesides in Nordengland auf, u. auch hier stießen „germanische“ (angelsächsische) Tunes mit der Spielweise irischer Arbeiter (die in der Schiffsindustrie von Newcastle beschäftigt waren) zusammen. Erst im 19. Jahrhundert breitete sich schottische Musik über die Inselgruppe aus. Ein gewisser Blind George Stark aus Dundee bereiste Lerwick von 1902 bis zu seinem Tod 1959 u. trug dort wesentlich zur Popularisierung des Strathspeys u. anderer schottischer Spezialitäten bei. Ihn begleitete stets ein Gitarrist, sodass die Gitarre als Begleitinstrument in die stets neugierige u. unorthodoxe Shetland-Tradition Eingang fand, lange bevor das Folk-Revival sie für die Begleitung traditioneller Tunes adaptierte. Eine wirkliche Bedrohung für die Fiddlemusik der Shetlands, die neben dem Reel, dem Jig u. dem Walzer auch die Tradition der Wedding Marches pflog, stellte ab den späten 30er Jahren der standardisierte vom Akkordeon getragene Ceilidh-Sound à la Jimmy Shand dar (siehe auch Céilí- & Ceilidh-Bands). Etwa zur gleichen Zeit hatte der junge Gitarrist u. Jazzfan Willie Johnson begonnen, traditionelle Fiddlereels mit Swing-Akkorden zu begleiten u. somit der als altmodisch verschriehenen Fiddlemusik dazu verholfen, den Tanzmusiksound an Modernität zu überholen, ein Beweis dafür, dass dort, wo Tradition nicht museal gepflegt wird, „everything goes“. Eine Schutzfunktion für die vom Aussterben bedrohte Musikkultur der Shetlands übernahm trotzdem die 1945 gegründete Shetland Folk Society Band. Die wichtigste Figur für die heute überbordende Begeisterung für Shetland-Fiddling war Willie Johnsons Freund Tom Anderson (1910-1991), der 1959 mit der Gründung von Da Forty Fiddlers die letzten lebenden Traditionalisten des Archipels mit seinen 100 Inseln zu einem spektakulären Fiddleorchester zusammenschweißte. Anderson selbst war ebenfalls Jazzfan u. begeisterter Rezipient irischer, schottischer u. amerikanischer Geigenstile, so ermutigte er zwar seine unzähligen Schüler stets, fremde Stile zu studieren, aber den eigenen Shetland-Stil distinguierbar zu halten. Der erste dieser Schüler war der berühmte Aly Bain, der bereits mit 13 Gründungsmitglied von Da Forty Fiddlers war u. mit seinen Boys of the Lough zu einem der stilistisch vielseitigsten Geigern des irischottischen Folk-Revivals avancieren sollte. Andere bedeutende Geiger u. Komponisten der älteren u. mittleren Generation waren Willie Hunter sr. u. sein Sohn Willie Hunter jr. (1933-1994) sowie der große Willie Pottinger. Bedeutend für die traditionelle Musik der Shetlands war auch die Pianobegleitung, die sich nicht selten von Johnsons swingigem Zugang beeinflussen ließ. Er spielte selber Piano, wie seine Schülerin Violet Tulloch oder der berühmte Ronnie Cooper, dessen Kompositionen Da Tushkar oder Miss Susan Cooper rund um die Welt interpretiert werden. Bands wie Davy Tullochs Ensemble Curlew, Home Bru oder Thulbion führten die Tradition mit den Stilmitteln des Folk-Revivals fort, u. mit der blutjungen Band Rock, Salt & Nails haben die Shetlands auch zu einem groovenden Rock n’ Reel gefunden, der zwischen Contemporary-Songs atemberaubend schnell gespielte Shetland-Reels streut. Auch die von den Folk-Avantgardisten Shooglenifty beeinflusste Band Bongshang kommt von den Shetlands u. interpretiert psychedelischen Power-Folk. In der Edinburgher Szene repräsentiert Tom Andersons letzte Schülerin u. Protegé Catriona MacDonald mit jugendlicher Energie u. Wildheit eine aktualisierte Form des Shetland-Stils, während die Schwestern Jennifer & Hazel Wrigley von den benachbarten Orkney-Inseln die relaxtere Tradition der Swing-Fusion à la Willie Johnson fortsetzen. In eine ähnliche Kerbe schlagen neuere, in ihrem Repertoire vielseitige Fiddleorchester wie Margaret Coupers High Spirits, Filska, Solan u. Fiddler`s Bid u. talentierte Solofiddler wie Chris Stout. Gleich in welcher stilistischen Ausprägung, die Instrumentalmusik der Shetlands erfreut sich höchster Popularität u. ist lebendiger u. schneller als je zuvor. In ihrer Unbeschwertheit war sie für mehrere Generationen von Revivalisten stets ein musikalischer Jungbrunnen.
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