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In Northumberland, dem rauen, hügeligen Grenzland zwischen Schottland u. England, hat sich ein eine hoch entwickelte Dudelsackform erhalten, die sich von den bekannteren schottischen Highland Pipes immens unterscheiden. Scheint der wilde laute Klang des zweiteren bildhaft den hochaufgeschossenen Highlands zu entsprechen, so lässt sich der lieblichere, leisere Klang der kleineren Northumbrian Pipes, der manchmal an die Geräusche eines Flipperautomaten erinnert, ebenso mit den niedrigeren Grashügeln des Grenzlandes assoziieren, wären da nicht das Mitdröhnen der Drones (Bordunpfeifen), das der Düsterkeit u. anheimelnden Bedrohlichkeit dieser einsamen Gegend (besonders für jemanden, der sich ihr von Süden, der lieblichen englischen Kulturlandschaft her nähert) angemessen Reverenz erweist. Anders als bei den Highland Pipes wird bei den NSP die Luft dem Balg nicht mit dem Mund, sondern per Blasbalg mit Ellbogendruck zugeführt. Das ist noch keine nennenswerte Besonderheit, waren doch nichtgeblasene Dudelsäcke eine Innovation des späten 17. Jhs. u. in verschiedensten Formen in Europa verbreitet. Ihr Prototyp dürfte die französische höfische Musette gewesen sein. Im britischen Raum finden die NSP eine sehr weitentwickelte Cousine in den irischen Uilleann Pipes u. einen größeren Bruder in den Scottish Small Pipes. Letztere wurden aber erst seit 1980 revitalisiert, währenddessen die NSP seit dem 18. Jh. auf eine dünne, aber ungebrochene Spieltradition zurückblicken können. Was also ist das Singuläre an diesem aparten kleinen Dudelsack? Sein Chanter (die Melodiepfeife) ist am Ende verschlossen, kein Ton entringt sich ihm, wenn alle Finger auf den Löchern (bzw. Klappen) bleiben. Dies ermöglicht lediglich das anspruchsvolle Staccatospiel, lässt jedoch keine Glissandi zu. Der verschlossene Chanter setzte sich zwischen 1760 u. 1800 durch. Somit war der Prototyp der NSP perfekt: der lederne Blasbalg, ein Chanter mit zylindrischer Bohrung u. acht Grifflöchern, die das Spiel einer Oktav (von G zu g) ermöglichten u. drei in einen Rahmen gefasste Bordunpfeifen (Drones), gestimmt in G, d u. g, wobei sich jede von diesen nach Belieben abstellen ließ. Es waren berühmte Spieler u. Instrumentenbauer aus Newcastle upon Tyne wie John Peacock (1754-1817) u. John Dunn (1764-1820) oder die Reid Family, welche die tonalen Möglichkeiten der NSP durch Hinzufügung von Klappen erweiterten, eine Entwicklung, die sich gleichzeitig an den irischen Uilleann Pipes vollzog. Bis ca. 1870 wurden immer kompliziertere Typen entwickelt, welche die herkömmlichen Dudelsackskalen auf jene der Violine erweiterten. Der höchstentwickelte Typ dieser Zeit besitzt einen Chanter mit 17 Klappen, der das chromatische Spiel von zwei Oktaven ermöglicht, plus fünf Drones mit variierbarer Stimmung. Mitte des 19. Jhs begannen die NSP der populären Concertina u. dem Melodeon (siehe Akkordeon & Melodeon) zu weichen. Lediglich bürgerliche Enthusiasten aus Newcastle u. ländliche Haushalte gaben die Small-Pipes-Tradition weiter. Im 20. Jh. waren es Individualisten wie Billy Pigg (1902-1968), Jack Armstrong (1904-1978) u. Foster Charlton (?-1989), die diese nicht bloß vorm Aussterben bewahrten, sondern deren stilistischen u. technischen Kapazitäten ausweiteten. Daneben existierte als folkloristische Schutzinstitution die Northumbrian Pipers Society, eine eher bürgerlich-konservative Institution, die in starkem Kontrast stand zu der proletarischen Piping-Kultur Newcastles, wie sie am stärksten u. virtuosesten durch die Clough-Family vertreten war u. in deren Schüler Billy Pigg fortlebte. Als Verbindungsmänner zwischen lebendiger Tradition, musealer Folklore u. dem modernen Folk-Revival der 60er Jahre agierten Colin Ross u. Alistair Anderson. Als Miglieder der Revivalgruppe High Level Ranters widmeten sie sich den musikalischen Besonderheiten Northumberlands u. integrierten die Pipes in den Sound einer Folkband modernen Zuschnitts. Als Instrumentenbauer rekonstruierte Ross die Scottish Small Pipes u. forcierte Pipetypen mit austauschbarem Chanter. Anderson hatte sich vor allem als Gründer seiner Band Syncopace durch die Komposition moderner Pipetunes hervorgetan u. ist gern gesehener Gast vieler Rockmusiker wie Richard Thompson. Ihren „Messias“ fand die nordenglische Piperszene jedoch in der 1967 geborenen Kathryn Tickell, die der folkloristischen Piperszene entkam u. mit ihrer eigenen Band, der jazz- u. funkerprobte Musiker wie Ian Carr u. Karen Tweed angehörten, eine atemberaubende Fusion kreierte, mit der sie Puristen zu schocken wusste. Nie zuvor wurden die NSP so schnell, virtuos, komplex, mit so viel Drive gespielt. Enger an die Tradition lehnt sich die nicht minder innovative Pauline Cato an. Sie bleibt zwar innerhalb des traditionellen Idioms, erweitert aber dessen Grenzen durch neuen Verzierungen, ungewöhnlichen Tonarten u. die Verwendung eines Pipe-Sets mit 21 Klappen, das sie sich von Colin Ross anfertigen ließ. Weitere bedeutende Small Piper sind die House-Band-Gründer Ged Foley u. Jimmy Young. Letzterer wanderte nach Neuseeland aus u. gründete dort die Revivalband Rua. Sein in Schottland aufgenommenes Meisterwerk Pipeworks liefert die Gelegenheit, drei verschiedene Dudelsacktypen unisono zu hören: Northumbrian Pipes, Border Pipes (gespielt von Iain MacInnes) u. Scottish Small Pipes (gespielt von Iain MacDonald). |
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