|
|
„The music that we know as Appalachian bluegrass has ist roots in both European and African-American traditions, with touches of Celtic, string-band, ragtime, blues, jazz and gospel music, plus banjo jigs rooted in West African guitar-picking styles.“
Dan Rosenberg
Der Gebirgszug der Appalachen erstreckt sich von den Catskill Mountains nördlich New Yorks bis weit in den Bundesstaat Georgia im Süden der USA. Sie sind das Kernland amerikanischer Musik und gaben der Entwicklung dieser bis in die heutigen Tage immer wieder neue Impulse. Deren Wurzeln liegen in britischer, irischer, iroschottischer, aber auch afrikanischer Musik. Im 17. und 18. Jahrhundert bildete sich hier im Osten Nordamerikas in der Abgeschiedenheit der Siedlergemeinschaften aus englischen, schottischen, irischen, deutschen, skandinavischen (aber auch afroamerikanischen) Elementen ein eigenes amerikanisches Substrat heraus, indem alte angloschottische Balladen in alter Frische überlebten, als diese in Großbritannien längst ausgestorben waren. In ihrer Rolle als „Freiluftmuseum“ europäischer Traditionen, aber auch in Hinblick auf den Einfluss appalachischer Instrumentalstile auf den modernen Folk sind diese Traditionen in diesem Lexikon von Bedeutung. Als wichtigste Instrumente kamen mit den Siedlern die Fiddle, „the royal instrument of the frontier“ und wahrscheinlich aus deutschen Landen die Dulcimer in die Appalachen, wobei die protestantisch-reformierte Kirche es ersterer wegen ihrer Assoziation mit Teufel, Sünde, Sex und Lustbarkeit nicht leicht machte. Bereits im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts hatten afroamerikanische Sklaven die Fiddle so im Griff, dass sie die weißen Geiger von den Plantagenbällen Virginias zu verdrängen begannen. Sie variierten die iroschottischen Reels und Jigs mit afrikanischer Synkopentechnik. Die Plantagenmusik, begleitet vom Vorgänger des Banjo, dem Banjar, erreichte bereits vor der Revolution die Theater Philadelphias und New Yorks. Ende des 18. Jahrhunderts schwappte eine weitere Immigrantenwelle in die Berge: die Scots-Irish. Ehemals schottische Protestanten, die einige Generationen in Nordirland gesiedelt hatten und eine eigene Liedtradition ins Grenzland einführten. Erst im 19. Jahrhundert begannen afroamerikanische Plantagenmusik und die isolierte „europäische“ Instrumentalmusik der Berge miteinander zu verschmelzen und sich unter Verwendung des Banjos, das den im 19. Jahrhundert populären Minstrel-Shows entlehnt wurde, zur Mountain Music bzw. Old Time Music zu entwickeln: Tunes, stark synkopiert und mit einzigartig legerem Swing, der diese Musik dank des afroamerikanischen Einflusses schon vor der Popularisierung des Jazz „modern“ klingen ließ und sich am besten mit dem Prädikat high and lonesome sound (John Cohen) charakterisieren lässt, das überdies auch für die lang gezogenen, nasalen Liedinterpretationen gilt, in denen angloschottische Balladen und schwarzer Blues eine eigenartige Liaison eingingen und die sich Bob Dylan eins zu eins von traditionellen Sängern abgekupfert hat. Gerade in der Old-Time-Fiddle-Musik hat sich eine große Varianz an lokalen Stilen herausgebildet, von rau und archaisch bis elegant und melodisch. Eine häufige Gemeinsamkeit finden diese Tunes in ihrem dynamischen „Dampfwalzen“-Rhythmus, der sie für die Square Dances qualifiziert. Neben dem Standardtuning GDAE wurde auch stets in offenen Stimmungen und mit polyrhythmischen Effekten gespielt. Die Übernahme afroamerikanischer Elemente erfolgte kontinuierlich, beinahe unbewusst und stellte keinen Widerspruch zur latent rassistischen Ausrichtung dieser weißen Farmergesellschaft dar, da Kultur noch nicht museal festgeschrieben wurde. Um die Jahrhundertwende fanden Folkloristen wie Cecil Sharp (1859-1924) ihren Weg in die Appalachen, um dort Balladen und Lieder aus Elisabethanischer Zeit vorzufinden. Das Banjo - von Sharp aufgrund seiner eigenen Projektionen ignoriert - wurde ursprünglich nur als Begleitinstrument eingesetzt, neue Techniken (Clawhammer) und Stimmungen bewirkten, „that in the early 1900’s the banjo spoke its own mountain language“ (Alan Lomax). Der Aufstieg der Plattenindustrie verschaffte der Mountain Music (besonders den traditionalistischen Songs der Carter Family) in den 20er Jahren ein letztes grandioses Aufflackern vor dem Erlöschen, ehe die Plattenfirmen in den 30er Jahren die ethnische Musik zugunsten von überregionaler Tanzmusik wie Swing (und als regionalen Kompromiss Western-Swing) aufgaben. Eine stilistische Modernisierung der Mountain Music erfolgte Mitte der 30er Jahre durch Bill Monroe und seine Bluegrass Boys in Form des Bluegrass: eine swingende String-Musik, bei der Banjo und Mandoline der Fiddle als Melodieinstrumente endgültig gleichberechtigt gegenübertraten, begleitet von Kontrabass und Gitarre. Wichtige Stilisten und Weiterentwickler waren und sind Gitarrist Lester Flatt, Fiddler Chubby Wise und Banjospieler Earl Scruggs, allesamt Gründungsmitglieder der Bluegrass Boys, sowie Fiddler Vassar Clements und Gitarrist Doc Watson. Nach dem II. Weltkrieg spaltete sich die musikalische Entwicklung in zwei Stränge: erstens in die verkommerzialisierte Country-Music des Nashville-Imperiums, zweitens in die politisierte und teilweise intellektualisierte Folk-Bewegung, initiiert von Woody Guthrie, Pete Seeger und vielen anderen. Besonders traditionelle Sängerinnen wie Jean Ritchie aus Kentucky, die selbst auch Feldforschungen im Irland und England der 50er Jahre durchführte, versorgten diese sich Ende der 50er Jahre verjüngende Folk-Bewegung (Dylan, Joan Baez) mit traditionellen Liedern. Aber auch die Old Time Mountain Music erlebte innerhalb dieser eine Renaissance, ironischerweise getragen von urbanen Intellektuellen wie Pete Seegers Halbruder (und Peggy Seegers Bruder) Mike Seeger, John Cohen und Tracy Schwarz, die als New Lost City Ramblers dieser Entwicklung voranstanden. Deren puristischem Konzept entwuchsen in den folgenden Jahrzehnten interessante Experimente; sie selbst retteten das „moderne“ Potenzial der Mountain Music vor ihrer kulturindustriellen Verflachung, Exponenten der sog. Newgrass oder Dawgs-Musik wie Tony Rice, Béla Fleck und David Grisman (Dawgs ist Grismans Spitzname) entwickelten es weiter zu einer anspruchsvollen Fusion von internationalem Profil. Amerikanische Stile und Entwicklungen hatten stets große Vorbildwirkung für den britischen und irischen Folk. Bluegrasselemente flossen erstmals in den Skiffle ein. Den Rest erledigte das Folk-Movement. Terry Woods bewies bereits in seinen Tagen bei Sweeney’s Men, dass er nicht nur „appalachisch“ singen, sondern auch spielen konnte. Banjospielern wie Gerry O’Connor (Four Men & A Dog) gehört Old Time und Bluegrass zum Kanon. Besonders Fiddler der irischen und schottischen Tradition wie Aly Bain (Boys Of The Lough) und Seán Keane (Chieftains) haben sich früh um die Rezeption amerikanischer Fiddlestile bemüht und viele jüngere Bands und Einzelinterpreten wie Liz Carroll und Eileen Ivers lassen sich bei ihrer Interpretation traditioneller Tunes vom Old-Time-Swing beeinflussen. Amerikanische Multiinstrumentalisten der Bluegrass/Newgrass/New-Acoustic-Music-Szene wie die irischstämmigen Mark O’Connor und Tim O’Brien wiederum rezipieren keltische Geigenstile und erforschen dabei die Genese der amerikanischen Instrumentaltraditionen. Besonders Letzterer hat auf seinen viel gerühmten CDs The Crossing und Two Journeys in noch nie gehörter Weise die Nahtstellen zwischen amerikanischer und keltischer Tradition aufgestöbert, aufgelöst und neu verbunden. Dabei bediente er sich seiner vielen Kontakte zur irischen Szene und lud sich illustre MusikerInnen wie Frankie Gavin, Seamus Egan, Maura O’Connell, Ronan Browne, Paul Brady, Kevin Burke, Karan Casey, Niall Vallely, Michael McGoldrick, Laoise Kelly (Bumblebees), Paddy Keenan, John Williams, Tríona Ní Domhnaill (siehe Tríona, Maighreád und Mícheál Ó Domhnaill) sowie die Band Altan ins Studio. |
|