Fast Search Musician

A search for musicican or band name is available here. Simply insert the name into the text field and click the search icon...



Show Article

       
    Celtic Swing  
  Regionen und regionale Stilarten  
This article was read 834 times
  Source: Crossroots, ISBN 3-935943-00-8 (Verlag C.Ludwig, 2002)  
    Author: Richard Schuberth  
 

„There are only two types of music which possess swing; one is jazz, the other Scottish music.“

Duke Ellington

Und The Duke meinte auch: „It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing!“ Dieses Verdikt scheinen irische und schottische Musiker seit Jahrhunderten zu beherzigen und widerlegen damit Joachim E. Berendts Behauptung von der Nichtexistenz des Swing in europäischer Musik. Kein Wunder, setzt Berendt diese doch synonym mit Kunstmusik, wie sie vor allem im mitteleuropäischen Raum entstanden ist. Aber zumindest in Relation zu metrisch und melodisch starreren Formen Kerneuropas, „swingt“ traditionelle Musik an fast allen Rändern des Kontinents, also in Irland, am Balkan, im mediterranen Raum. In Irland tut sie das vor allem im Kontrast zur englischen Instrumentalmusik, mit der sie sich einige Tanzmetren teilt. Auf einen vorläufigen Höhepunkt wurde diese Tendenz von Michael Coleman (1891-1945), dem großen Erneuerer des sog. Sligo-Stils geführt, der in den New Yorker Dance-Halls der 30er Jahre aufgeigte und irischen Reels & Jigs die schnellste, zugleich kunstvollste, urbanste und swingendste Behandlung angedeihen ließ, welche man bis dato gehört hatte. Colemans Fiddlestil war noch weit vom Jazz entfernt, und dennoch vom mondänen Swing-Feeling seiner Zeit beseelt, zumindest maximierte er den inhärenten Swing seiner Tradition und löste zu beiden Seiten des Atlantiks eine Modewelle aus, die lokale Stile lange Zeit verdrängte. In der irischen Musik hat sich seither einiges getan, alle möglichen Spielarten von Fusion sind in Angriff genommen worden; jenen irischen Tunes „inhärenten Swing“ haben sensible und einfallsreiche GeigerInnen wie Kevin Burke, Liz Carroll und neuerdings Martin Hayes mit besonderem Akzent auf ihre lyrische, melancholische Qualitäten ausgereizt. Findige Saiteninstrumentalisten haben sehr synkopische und dynamische Begleittechniken entwickelt, stärker von Rock und südosteuropäischer Rhythmik inspiriert als vom Jazz. Die bewusste Grundierung „keltischer“ Tunes mit Jazz/Swing-Akkorden, also die Adaptierung der Django-Reinhardt-Linie, wurde jedoch interessanterweise von einer innovativen schottischen Folk-Szene vorgenommen. Warum dem so war, soll hier erörtert werden..

1) Der musikalischen Tradition Schottlands ermangelt es zwar nicht komplexer, synkopierter Tunes (z.B. Strathspeys), jedoch des für irische Musik charakteristischen archaischen „Swings“, ihre Interpretation mag stolzer, aber zugleich starrer, abgehackter („the scotch snap“) wirken als die der im Grunde melodieverwandten irischen Musik. Das erklärt vielleicht, warum irische Musiker sich seltener zur Jazzbegleitung bemüßigt fühlten, eher mit starken rhythmischen Akzenten die ohnehin leichtfüßige Reels & Jigs auf den Boden zurückholten („Rhythm & Reel“), während einige schottische Folk-Experimtentatoren - genau umgekehrt - ihrer stolzen, aber schwergewichtigen Musik eleganten Swing wie Luftballons anhängten. Außerdem kommen die rhythmischen Akzentuierungen in schottischer Musik einer Offbeatbegleitung sehr entgegen, wie sie im Swing üblich ist.

2) Hat sich das moderne irische Folk-Revival in der irischen Öffentlichkeit eine gewisse Repräsentanz erarbeiten können, so ist sein schottisches Pendant, der dritte Weg zwischen konservativer Folklore, Pop-Mainstream und anspruchsvoller moderner U-Musik, ein kleiner eingeschworener Haufen von teils exzellenten Enthusiasten, deren Werke wenig Beachtung findet. Die daraus resultierende Freiheit, weder auf die Tradition noch irgendeinen Publikumsgeschmack Rücksicht nehmen zu müssen, schuf unzählige Experimente und Fusionformen (bis zu Acid, Techno und Hip-Hop). Hinzu kommt die Existenz einer lebendigen, aber nicht sonderlich populären Jazz-Szene in Schottland und einer ausgeprägten Rezeption lateinamerikanischer Musik. Die Gemeinsamkeit der Isolation dieser „drei Szenen“ hat die Grenzen zueinander gelüftet. Es finden sich viele Grenzgänger, die vor allem die Begeisterung teilen für Django Reinhardt (der selbst unzählige traditionelle Melodien verswingte), Bossa Nova und David Grisman, den amerikanische Mandolinisten, der in Form einer Fusion aus Bluegrass, Swing, Bossa, Blues und anderen ethnischen Musikpatterns eine elegante, ebenso leichtfüßige wie komlexe Musikform (Dawgs Music) schuf. Wenn hier übrigens von Celtic Swing die Rede ist, meine ich nicht verschiedene Formen des Celtic Jazz, sondern die spezifische Kombination keltischer Tunes mit Swingakkorden, wie Reinhardt, Grisman und viele brasilianische Musiker sie spielten und es nach wie vor tun.

3) Der dritte Grund heißt Willie Johnson. Schottischer Folk kann nämlich stolz auf eine genuine Tradition des Swing zurückblicken. In den 30er Jahren saßen auf den nordatlantischen Shetland- Isles zwei Teenager namens Tom Anderson (1910-1991) und Willie Johnson mit roten Ohren vorm Radio und horchten dem großen amerikanischen Swinggitarristen Eddie Lang, jenem Eddie Lang, der auch für Django Reinhardt wichtigste Inspiration war. Von Matrosen der amerikanischen Handelsmarine besorgten sie sich Eddie-Lang-Schellacks. Zum näheren Verständnis sei hier erwähnt, dass die Shetlands alles andere als zurückgebliebene Peripherie waren, sondern seit der Jahrhundertwende Hauptproduktionsplatz der Herings-, später der Ölindustrie. Und die charakteristische Fiddlemusik der Shetlands, mehr skandinavisch als keltisch beeinflusst, swingt stärker als die des schottischen Festlandes, ein Umstand, den sich manche Ethnomusikologen mit dem Einfluss irischer Saisonarbeiter erklären. Tom Anderson, ein Mann von umfassender musikalischer Bildung, stellte sich in den 50er Jahren zur Aufgabe, den besonderen Shetland-Stil durch die Gründung seines Orchesters „Da Forty Fiddlers“ vorm Aussterben zu bewahren. Mit etwas Bauchweh musste er dabei zusehen, wie sein alter Freund Willie Johnson, der sich mittlerweile zum formidablen Swinggitarristen gemausert hatte, dem Fiddlespiel zum Teil alter Bauern und Fischer seine Jazzakkorde beisteuerte. Es blieb ihm keine andere Wahl, schließlich fand sich kein besserer Gitarrist auf den Shetlands. Und so kam es, dass lange vor dem bürgerlich-intellektuellen Folk-Revival die Swinggitarrenbegleitung zum selbstverständlichen Bestandteil der Shetland-Tradition avancierte.

„Willie war ein Genie im Herausarbeiten neuer Akkorde. Er probierte sie zuerst am Piano und übertrug sie dann auf die Gitarre. Dabei führte er Zehner-, Neuner-, Dreizehner- und um einen Halbton verkürzte Fünfzehnerakkorde (in die Shetland-Tradition, R.S.) ein - all die Sachen, die Jazzer auch spielten - und gab sie an die nächste Generation weiter“, erinnert sich der Meistergeiger Aly Bain, einer der ersten Schüler Andersons und Johnsons, ein Mann, der bereits mit Größen wie Stephane Grapelli und Yehudi Menuhin aufgetreten ist. Seit Beginn der 70er Jahre war er der Fiddler der für die Entwicklung des Celtic Folk-Revivals nicht unbedeutenden schottisch-irischen Formation Boys of the Lough. Mit Tich Richardson kam 1979 ein Gitarrist in die Band, der sowohl von Reinhardt als auch Willie Johnson beeinflusst war, und Aly Bain zu seinem bislang elegantesten und swingigsten Stil animierte. Ihre Duette markieren die Geburtsstunde eines Stils, der sich als Celtic Swing bezeichnen lässt. Hauptprotagonisten dieses „Scottish Rhythm & Swing“ war aber seit Anfang der 80er Jahre die Edinburgher Band The Easy Club, bestehend aus Geiger John Martin, der bei den Revivalgruppen Ossian und Tannahill Weavers einen traditionellen Stil pflog, hier aber sein Faible für Swingvioline ausleben konnte, Gitarrist und Bassist Jack Evans, Rod Paterson, sowohl einer der arriviertesten Folk- als auch Jazzsänger Schottlands, und schließlich Citternspieler und Perkussionist Jim Sutherland, als Produzent, Komponist und Interpret eine der einflussreichsten und experimentierfreudigsten Figuren des neueren schottischen Folk-Revivals. Für Easy Club komponierte er fast alle Instrumentals und befestigte erstmals Besen am Klöppel seiner Bodhrán (irische Rahmentrommel), was den relaxten Swingcharakter ihrer Musik auch perkussiv betonte. Mit jazzigen Melodielinien spielte sich in den 80er Jahren auch der Akkordeonmaestro Phil Cunningham (Silly Wizard) herum, der nun übrigens regelmäßig mit Aly Bain auftritt, und die frühen Capercaillie verpassten ihren feingliedrigen Arrangements - ehe sie hitparadentauglich wurden und dancefloorartigen Celtic Rave produzierten - einen Hauch von lyrischem Bossa-Feeling. Neben Corinna Hewat (Bachue Café, Chantan) führte das Duo Patsy Seddon und Mary MacMaster (Sìleas, Clan Alba, Caledon, The Poozies) vor, wie man mit keltischen Harfen swingt. In der Gruppe The Poozies stießen beide auf Bluesgitarristin Sally Barker und Akkordeonspielerin Karen Tweed, welche wiederum gemeinsam mit dem brillanten Jazz/Folk-Gitarristen Ian Carr der Band der nordenglischen Ausnahmepiperin Kathryn Tickell angehörte. Ian Carr nahm seinerseits eine Platte mit einem jungen Concertinaspieler namens Simon Thoumire auf. Dieser startete seine Karriere im Cauld Blast Orchestra, einer Anlaufstelle für an traditioneller schottischer Musik interessierte Jazzer und jazzbegeisterte Folkmusiker, wie etwa Rod Paterson, Jim Sutherland, sowie Piper Hamish Moore und Jazzklarinettist Dick Lee (die mit zwei gemeinsamen Platten voll eigenwilliger Jazz/Folk-Fusion aufhorchen ließen). Simon Thoumires Genius reicht weit über Celtic Swing hinaus, er integriert Elemente des Bebop und Latin Jazz in sein Oeuvre (was ihm bereits Vergleiche mit Charlie Parker, John Coltrane und Astor Piazzolla einbrachte), lässt sich aber zugleich ironisch auf Hip-Hop, Ragga und Techno ein. Mit Jazzgitarrist Kevin MacKenzie und Bassist Simon Thorpe bildet er die Simon Thoumire Three, mit dem Ensemble Keep It Up findet er zu reinem Celtic Swing zurück, wie auch in der Zusammenarbeit mit den jungen Zwillingen Hazel & Jennifer Wrigley von den Orkney-Inseln, die die dritte Generation der Willie-Johnson-Schüler repräsentieren und sowohl im Duo wie auch als Kern ihrer Edinburgher Band Seelyhoo den bis dato lyrischsten, formvollendetsten und subtilsten Celtic Swing zum Besten geben (wobei sich ihr stilistisches Vermögen freilich nicht auf solchen reduzieren lässt).

Wenn auch die beschriebene Entwicklung in Schottland vermehrt auftrat, heißt das natürlich nicht, dass sich in England und Irland nichts Vergleichbares getan hätte. Man denke nur an Fairport-Convention-Fiddler Dave Swarbrick, besonders seine Zusammenarbeit mit Jazz/Funk-Gitarrist Kevin Dempsey in der Band Whippersnapper, oder exzellente Gitarristenpersönlichkeiten wie Steve Cooney, Frank Kilkelly, Arty McGlynn, Tony McManus und Chris Newman, der mit seiner Frau, der irischen Harfenistin Maíre Ní Chathasaigh seit den späten 80er Jahren (unterstützt von Jazz/Folk-Bassisten Danny Thompson) filigranen Harfen/Gitarren-Swing produzierte. In Irland sind es vor allem Bands wie Reeltime, Neillí Go Deazz (siehe Niall Keegan) und Deiseal, welche zwischen Celtic Swing, Latin Jazz und Jazzfunk changieren.

Alles in allem hat sich Celtic Swing auf legere Weise seinen festen Platz erspielt in der Vielfalt der Zugänge zum Genre Celtic Folk. Dank seiner Leichtfüßigkeit läuft er regelmäßig der engeren Folk-Szene davon, und kündet in der großen weiten Welt von der Schönheit einer Musik, unter der sich viele noch immer nicht mehr vorstellen als das Refraingegröle von Saufköpfen in Aran-Pullovern und ein bisschen Diddledididdledi dazwischen.