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„What is so appealing to a composer is that the uilleann pipes have a totally different sound, totally new, unlike anything people have ever heard. Moreover, it’s a ‘living sound’ - it is acoustic, not electronic. And the pipes blend with almost everything - especially strings. Finally, the instrument is very expressive. I have found that most professional musicians are amazed by its voice when they first hear it.“
Jerry O’Sullivan
Die irischen Uilleann Pipes (oder Union Pipes) können durchaus als die Königin aller Dudelsackarten bezeichnet werden. In der Tat handelt es sich bei ihnen – neben der nur noch in der Barockmusik verwendeten Musette de Court – um den weitestentwickelten Dudelsack der Welt. „Uilleann“ ist gälisch u. heißt Ellbogen. Der Name indiziert also, dass die Pipes nicht mit dem Mund geblasen werden, sondern zu jener seit dem späten 17. Jahrhundert populären Dudelsackfamilie gehören, die ihre Luft aus einem ledernen Blasbalg beziehen, der vom Spieler durch rhythmische Bewegungen mit dem (linken) Ellbogen gepresst wird. Ein full set besteht aus dem Sack (bag), der Melodiepfeife (chanter), drei Basspfeifen (drones) u. den regulators. Der Chanter besitzt sieben Löcher auf der Vorderseite u. ein Daumenloch auf der Rückseite. Der Tonumfang des Chanters umfasst zwei Oktaven (von D bis D’). Die Drones bestehen aus drei Basspfeifen (Tenor, Bass u. Bariton), grundieren die Melodie also mit drei konstanten tieferen Tönen u. können vom Spieler durch ein Ventil abgeschaltet werden. Ihre Einzigartigkeit erlangen die Uilleann Pipes aber durch die Regulators, welche gemeinsam mit den Drones quer über den rechten Oberschenkel des Spielers liegen u. nicht nur rhythmische u. Akkordbegleitung, sondern auch das Spiel von kontrapunktischen Melodien ermöglichen. Die Regulators bestehen aus drei Pfeifen (ebenfalls Tenor, Bass u. Bariton) u. 13 Klappen.
Ehe die komplexen Uilleann Pipes in Mode kamen, dominierten auch in Irland mundgeblasenene den schottischen Highland Pipes entsprechende Pipes (píob mór). Zwar gibt es seit dem fünften Jahrhundert schriftliche Erwähnungen von píopaí, doch dürfte es sich dabei eher um schalmeienartige Rohrblattinstrumente gehandelt haben (siehe Die Bombarde). Gesicherte Referenzen von Dudelsäcken stammen wie in Schottland erst aus dem 15. Jahrhundert. Mit der Kapitulation der katholischen Stuart-Armee in Limerick (1691) verlor der mundgeblasene Dudelsack allmählich seine martialische Notwendigkeit u. wurde kontinuierlich von den „zivilen“ Uilleann Pipes aus der Volkstradition verdrängt. Diese Uilleann Pipes kamen wahrscheinlich nach Vorbild höfischer, zumeist französischer Konstruktionen (Musette, Pastoral Pipes) um 1700 auf. Weil die Töne der Uilleann Pipes im Vergleich zu den schrillen Klängen der píob mór angenehmer klangen, erfreuten sie sich bei Geselligkeiten u. Festen wie Kindstaufen u. Hochzeiten größter Beliebtheit. Die píob mór wurde jedoch überall dort weiter verwendet, wo der Spieler sich nicht setzen konnte: bei Trauerzügen, Prozessionen, Traditionsmärschen u. bei Hurling- u. Footballspielen. Lediglich das abgelegene County Donegal hielt sich lange als letzte Bastion der píob mór. Unter schottischem Einfluss erfreuen sich aber Dudelsackkapellen in Irland nach wie vor großer Popularität. Und wie Tonumfang u. Verzierungen der píob mór der gesamten schottischen (u. nordirischen) Volksmusik ihren Stempel aufgedrückt haben, so ist die irische Musik auf Fiddle, Querflöte u. Akkordeon stark dem expressiven Soul u. Swing der Uilleann Pipes nachgebildet. Die Konstruktion der Uilleann Pipes, dieser höchst filigranen Kunstwerke aus Buchsbaum bzw. Tropenhölzern, feinem Schafsleder, Zinn, Kupfer oder sogar Silber, demonstriert die Herausbildung einer bürgerlichen Klasse im feudalen Irland des 18. Jahrhunderts. Gespielt wurde dieses komplizierte Instrument jedoch quer durch alle gesellschaftlichen Klassen, bei den untersten vor allem von wandernden „Spezialisten“, Dancing Masters u. Zigeunern, aber auch von Bürgerlichen u. zunehmend verbürgerlichten Landadeligen, den so genannten Gentlemen Pipers. Den ersten Tutor verfasste der Instrumentenbauer O’Farrell um 1800: Collection of National Irish Music for the Union Pipes. Viele Hypothesen ranken sich um die Bedeutung der alternativen Bezeichnung Union Pipes. Doch weder dürfte diese sich auf die Vereinigung (union) zweier Instrumenttypen, des Dudelsacks u. der Orgel (denn die Regulators wurden erst ab 1830 beigefügt) noch auf den Act of Union (1800) beziehen (denn die gälische Bezeichnung war schon 1725 in Gebrauch), sondern sich einfach um eine Verballhornung des gälischen „Uilleann“ handeln.
Stilistische Unterschiede korrespondieren weniger mit regionalen Differenzen (wie sie es bei anderen Instrumenten tun) als mit der Fingertechnik. Zwei Stile lassen sich grob unterscheiden: der open (bzw. loose) style u. der closed bzw. tight style. Bei ersterem werden nur die Finger am Chanter belassen, die zum korrekten Klang der Note erforderlich sind, was ein schwungvolles Legatospiel ermöglicht. Beim closed style nimmt der Spieler umgekehrt nur jene Finger vom Chanter, die erforderlich sind, damit der Ton korrekt klingt. Diese Methode erzeugt einen abgehackten Staccato-Effekt. Dabei verschließt der Spieler zumeist zusätzlich die untere Chanteröffnung mit dem Oberschenkel (auf dem dann für diesen Zweck ein weiches Stück Leder, the piper’s apron, gebunden ist), um damit klarere Töne der oberen Oktav zu erreichen. In der Regel pflegen Spieler jedoch Kombinationen beider Techniken. Das Spiel auf den Uilleann Pipes ermöglicht eine Menge charakteristischer Ornamente wie das Sliden, das seinem Klang eine authochton jazzige Note verleiht, das Cranning u. Vibrati. (siehe auch Charakteristische Ornamente der traditionellen Instrumentalmusik). Nach einer grandiosen Epoche des Uilleann Pipings, deren letzten Exponenten im 19. Jh. Travellin’ Piper wie John Cash u. Garrett Barry waren, sorgten Emigration, Verarmung u. das unentwegte Hetzen der Kirche gegen dieses „sündhafte“ Instrument für dessen Dezimierung, währenddessen es sich in den Irish Communitys der USA, aber auch in den Minstrel Shows u. Revuen großer Beliebtheit erfreute. Unumschränkter Meister auf den Pipes war Patsy Touhey (1865-1923), von dessen richtungsweisender Fertigkeit noch heute alte Wachszylinderaufnahmen zeugen. In Irland war es ein kleiner Haufen von Enthusiasten, welche die Pipes Mitte dieses Jahrhunderts in die 60er Jahre hinüberretteten, bevor eine Generation freakiger Musiker die psychedelischen u. souligen Qualitäten dieses Instruments entdecken sollte. Na Píobairí Uilleann wurde 1968 gegründet, eine Organisation zur Bewahrung u. Promotion der Piping-Tradition. Es waren vor allem drei große Piper, die nicht nur die Kunst des Pipings an die Folk-Revival-Generation weitergaben, sondern selbst bedeutende Stilbildner waren: der Instrumentenbauer u. Musiklehrer Leo Rowsome (1903-1970), seines Zeichens Gründer u. Vorsitzender des Dublin Pipers’ Club (1936), der Folklorist Séamus Ennis (1919-1982) u. direkt aus der Tradtion des County Clare: Willie Clancy (1918-1973). Letzterer hatte seine wichtigsten Impulse von einem der größten Piper dieses Jahrhunderts erhalten, dem Zigeuner Johnny Doran (1908-1950), dessen wilder u. virtuoser Legato-Stil vor allem die jüngeren „Jazzer u. Rocker“ unter den Pipern beeinflusste. Weitere bedeutende Piper dieser Epoche waren Seán Reid (1907-1978), Tommy Reck, Tom Mulligan (1915-1984), Mícheál O’Riabhaigh (1911-1976), Martin Talty aus Co. Clare, Sean McAloon aus Nordirland u. der bedeutende Folklorist Breandán Breathnach (1912-1985), bekannt vor allem durch seine Radiosendungen, die respektable Tunesammlung Ceol Rince na h’Eireann u. seine Tätigkeit als Vorsitzender von Na Píobairí Uilleann.
Als Piper von Seán O’Riadas Ceoltóirí Cualann u. Leader der Chieftains war Paddy Moloney ein Pionier bei der Integration der Pipes in einen (orchestralen) Gruppensound. Bedeutendste Piper des 70er-Jahre-Folk-Revivals waren Liam O’Flynn (Planxty), Finbar Furey u. Paddy Keenan (Bothy Band), die beiden Letzteren unweigerlich von der Zigeuner-Tradition eines Johnny Doran, aber auch vom Feeling moderner Rock-u. Jazzmusik beeinflusst. In Davy Spillane fand der irische Folk in den 80er Jahren ihren bislang größten Innovator. Bei den Moving Hearts spielte er zu Jazz-Funk, als wäre dieser nie ohne Uilleann Pipes ausgekommen u. trieb die expressive Glissando-Qualität dieses Instruments ins Extrem. Eine Unzahl junger talentierter Piper führt die verschiedenen Traditionsstränge mit Bravour fort, von traditionalistisch bis zu moderner Fusion: Ronan Browne, Vinnie Kilduff, Neil Mulligan, Robbie Hannan, Eoin Kenny, Kevin Rowsome, Eoin O’Riabhaigh, Diarmuid Moynihan (Calico), Seán Óg Potts, Martin Nolan, Martin Talty, Declan Masterson, Joe McKenna, Eoin Duignan, Michael McGoldrick oder etwa der geniale Johnny McSherry aus Belfast, für die US-Szene Eric Rigler, Tim Britton u. Jerry O’Sullivan, der den Spirit eines Paddy Keenan u. die Modernität eines Davy Spillane in sich vereint, u. als eine der ersten Frauen Emer Mayock (Afro Celt Sound System). In der Bretagne haben sich auch bedeutende Revival-Musiker wie Patrick Molard u. Ronan Le Bars des irischen Dudelsackes angenommen. Die Uilleann Pipes sind wegen ihres langgezogenen, expressiven Klangs längst vom Jazz, dem Mainstream-Pop u. von unzähligen Soundtrackkomponisten entdeckt worden. |
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